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echo – das digitale Magazin des Badischen Landesmuseums
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von Brigitte HeckLars PetersenSchoole Mostafawy
11
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Nicht nur eine Pfeife? – Was Kurator*innen in und mit einem Museum machen

„Ceci n’est pas une pipe“ („Das hier ist keine Pfeife“) lautet der Titel eines surrealistischen Gemäldes von René Magritte aus dem Jahr 1928/29. Die geistige Haltung, die hinter der Strömung des Surrealismus steht, könnte man auch auf viele Gegenstände der Sammlung des Badischen Landesmuseums übertragen: Die Objekte unseres Museums sind nicht ausschließlich, was sie zu sein vorgeben und weit mehr als ihr wahrnehmbares Äußeres. So bedarf es der Expert*innen, die ihre hintergründigen Eigenheiten lesen, deuten und vermitteln können – uns Kurator*innen.


Was heißt Kuratieren?

Was heißt Kuratieren?

Mit dem Gift „Curare“ hat diese Benennung der Museumswissenschaften nichts zu tun. Unsere Berufsbezeichnung orientiert sich am lateinischen Verb curare, mit dem die Fürsorge um, das pflegende Handeln für und das Behüten von Dingen bezeichnet wird. Ganz wesentlich geht es uns genau darum: Als Expert*innen von kunst- und kulturgeschichtlichen Epochen, Materialien und Techniken im Kontext von sozialen, gesellschaftlichen und politischen Phänomenen sowie deren Wandel sind uns materielle Kulturgüter als Zeitzeugen anvertraut. Wir sind es, die ihre Bezüge sowohl für die weiterführende Forschung als auch für eine breite Öffentlichkeit entschlüsseln.

Was wird kuratiert?

In erster Linie betrifft diese Fürsorge unsere analogen Sammlungen, also jene Kulturgüter, die in unseren Magazinen bewahrt werden, und dies schon seit über 160 Jahren. Sie sind der Schatz des Museums und Ausgangspunkt für immer neue Fragestellungen an die vermeintlich schon bekannten, heute wiederentdeckten oder zur Ergänzung neu erworbenen Objekte. Seit Beginn der Corona-Pandemie sammeln wir aber auch digital und „digital born objects“.

Wie machen wir das?

Üblicherweise präsentieren wir Kurator*innen Arbeitsergebnisse in vielfältiger Weise: in Ausstellungen und Begleitpublikationen, in Fachbeiträgen, Vorträgen, Interviews und weiteren medialen Formaten wie Podcasts. Zur Beforschung einzelner Bestände kooperieren wir hausintern mit den Spezialisten des Materiellen, den Restaurator*innen. Wir suchen dafür Kooperationen mit internationalen Museen und Universitäten, nehmen für Austausch und Fortbildung an externen Konferenzen und Foren teil und arbeiten zunehmend auch mit gesellschaftlichen Expert*innen. So bringen wir unser Wissen in die Breite und greifen unsererseits auf breite Wissensfelder zu. Das Motto „share it to care it“ berührt auch einen Wesenskern unserer Arbeit: teilen, um zu bewahren.

Worum geht es im Detail?

In einer Zeit, in der das Karlsruher Schloss für seine Sanierung geschlossen ist, verlagert sich diese Arbeit zwangsläufig ins Innere des Museums und zunehmend in den digitalen Raum. Damit kommt unserem „Digitalen Katalog“ eine wachsende Bedeutung zu. In dieses Feld investieren wir gerade einen Großteil unserer Arbeit, heben manch bisher unentdeckt gebliebenen Schatz oder bringen die Objekte auf den neuesten wissenschaftlichen Stand. Dies betrifft alle Kuratien: jene der Antiken Kulturen, der Kunst- und Kulturgeschichte sowie der Alltags- und Regionalkultur. Aus ihrem Bereich kommen die folgenden Beispiele. Sie führen vor Augen, welche unterschiedlichen Aspekte wir mit unserem Wissen und unserer Erfahrung aus den Objekten herauslesen.

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Aus den Antiken Kulturen

„Ich will es tun, hier bin ich“: Uschebti – Kleine Arbeiter im Jenseits

Eine Uschebti-Figur wirkt rätselhaft und einzigartig. In Wirklichkeit ist sie jedoch ein Massenprodukt aus dem Alten Ägypten und hat eine klar umrissene Funktion. In der Antikensammlung des Badischen Landesmuseums befinden sich 76 dieser kleinformatigen Uschebti. Sie gehören zu den häufigsten Grabbeigaben und waren über einen Zeitraum von mehr als 1.500 Jahren – von etwa 1.600 v. Chr. bis in die späte Ptolemäerzeit (um 100 v. Chr.) – in Gebrauch. Die Figürchen erlauben einen Einblick in die Jenseitsvorstellungen der Alten Ägypter und offenbaren dabei einen besonders menschlichen Aspekt: Der Tod bedeutete für die Ägypter kein Ende, sondern er galt als Schwelle zu einer neuen Existenz im Jenseits, die sie sich als Fortsetzung des irdischen Daseins vorstellten. Alles, was zum Leben gehörte, war auch im Reich der Toten von Bedeutung, wobei man sich vor allem die Fortdauer der Annehmlichkeiten, wie Essen und Trinken oder das Feiern von Festen mit Musik und Tanz wünschte.

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Ägyptische Statuette mit Hieroglyphen, die eine Person auf weißem Hintergrund darstellt.
Uschebti des Hor-wedja, Fayence, Inv. H 216, Ägypten, 30. Dynastie, um 350 v. Chr.
© Badisches Landesmuseum, Peter Gaul

Dabei scheuten die Ägypter aber nicht davor zurück, im Jenseits wenn nötig selbst Hand anzulegen und aktiv für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Nur von den lästigen und körperlich anstrengenden Feld- und Bewässerungsarbeiten wollte der Tote gerne erlöst werden und hatte daher die schlaue Idee, dafür seine Uschebti einzusetzen. Deshalb halten die mumienförmigen Figürchen in den Händen kleine Erdhacken und tragen auf dem Rücken ein Körbchen für Saatgut.

Im sogenannten Uschebti-Spruch des ägyptischen Totenbuchs werden die Statuetten aufgefordert, sich anstelle des Verstorbenen zu melden und mit „Ich will es tun, hier bin ich“ zu antworten, sobald der Ruf zur Feldarbeit im Jenseits an die Toten ergeht. Daher also die moderne Bezeichnung „Uschebti”, die sich vom altägyptischen Wort uscheb ableitet, was „antworten” bedeutet.

Blaue Figur aus Ägypten, mit hieroglyphischen Symbolen und detaillierter Darstellung einer Person.
Aufseher-Uschebti der Gaut-seschen, Fayence, Inv. H 915, Ägypten, 21. Dynastie, um 970 v. Chr.
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt

Um die Versorgung mit Lebensmitteln im Jenseits zu garantieren und das angestrebte ewige Fortbestehen zu sichern, war es praktisch, für jeden Tag ein Uschebti an seiner Seite zu haben. Idealerweise finden sich in den Gräbern Ägyptens deswegen bis zu 365 dieser fleißigen Helferlein.

Nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser” zeigt sich das streng hierarchisch aufgebaute Machtsystem und die straff organisierte Feldarbeit im Alten Ägypten. Seit der Zeit des Pharaos Ramses II. steht einem Trupp von zehn Arbeiter-Uschebti ein Aufseher vor. Dieser unterscheidet sich von den Arbeitern dadurch, dass er eine Peitsche hält, die zum Einsatz kommt, wenn die Untergebenen nicht schnell genug arbeiten.

Auch über 2.000 Jahre nachdem die letzten Uschebti-Figuren in ägyptische Gräber beigegeben wurden, ist die Vorstellung attraktiv, sich bei monotonen und anstrengenden Arbeiten auch im Diesseits von willigen Uschebti helfen zu lassen. Vielleicht wird ein KI-Programm in Zukunft einmal Uschebti 2.0 heißen.

Aus der Kunst- und Kulturgeschichte

Was uns mit dem chinesischen Glückshund eint

Die Berufsbezeichnung Kurator ist auch unter den Begriffen Konservator oder veraltet Kustos bekannt. Abgeleitet aus dem Lateinischen verweist letzterer auf eine weitere Funktion von Kurator*innen als Wächter*innen ihrer Sammlungen.

In dieser Position haben wir Kurator*innen in vielen Kulturen tierische Geistesverwandte. Gleich vier in leuchtendem Azurblau glasierte Fayencen aus China stellen in unserer Sammlung den Löwen shizi dar. Diese einst von Ernst Wagner (1832–1920), Direktor und Konservator der Großherzoglichen Sammlungen für Altertums- und Völkerkunde in Karlsruhe, erworbenen und lange im Depot schlummernden Vierbeiner wurden jüngst neu gedeutet und datiert.

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Blau-weiße, detaillierte Keramik-Hundefigur mit großen Augen und schelmischem Ausdruck.
Löwe als Wächterfigur, sog. »shizi«, Inv. A 11496, China, Qing-Dynastie, 18. Jahrhundert
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt
Blauer, keramischer Löwenkopf mit detaillierter Verzierung und spiralförmigem Ornament oben.
Löwe als Wächterfigur, sog. »shizi« (Rückenansicht), Inv. A 11497, China, Qing-Dynastie, 18. Jahrhundert
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt

Die Löwen, vermutlich allesamt männliche, sitzen auf ihren Hinterpfoten. Mit zwei zusammengebundenen Zöpfen auf dem Kopf schauen sie mit Kulleraugen wachsam in die Umgebung. In ihren leicht geöffneten Mäulern fletschen sie die Zähne. Einritzungen unter der Glasur lassen detailliert die Struktur und Beschaffenheit ihres Fells erahnen. Die Skulpturen gehören zu den seltenen und gut erhaltenen Beispielen des 18. Jahrhunderts.

shizi
verkörpert die mythologische Form des Löwen. Wie schon in den Kulturen des Alten Orients gilt der Löwe als König der Tiere und symbolisiert Macht und Glück. In China nahm man in Anlehnung an seinen früheren Namen sunanni an, dass er zu den acht Nachfahren des Drachen longshengjiuzi gehöre. Auch wurde er als das heilige Tier shengshou gedeutet, das Unheil abwehren konnte. Erst in Europa wandelte sich der chinesische Löwe, wohl weil er eher einem Pekinesen-Hund als einem Löwen gleicht, zum Fo-Hund. In Abwandlung des chinesischen Worts fu für Glück bezeichnet also Fo einen Glückshund.

Als Wächterfiguren flankierten Löwen aus Stein einzelne Gebäude in China. Als männliches und weibliches Tier wurde das Paar zunächst zu beiden Seiten des Tempeltors aufgestellt, galt der Löwe doch nach buddhistischem Glauben als Tier der Weisheit. Damit war er auch Verteidiger des Rechts und Beschützer heiliger Gebäude. Später trat das Paar an Palästen, auf dem Anwesen adliger Familien oder reicher Händler entweder vor den Toren oder im Inneren entlang der Wege auf.

Im Badischen Landesmuseum sind heute mehr als ein Dutzend Kurator*innen beschäftigt. Mit den Glückshunden verbindet uns viel: Weisheit aus dem alten und neuen Wissen unterschiedlicher Kulturen zusammenzutragen und dem Wandel der Zeiten zum Trotz jegliches Unheil von dem uns anvertrauten Gut abzuwehren: dafür steht unsere Arbeit bis heute.

Blauer Löwe mit kunstvollen Ornamenten und geschwungenem Schwanz, seitliche Ansicht.
Löwe als Wächterfigur, sog. »shizi« (Seitenansicht), Inv. A 11499, China, Qing-Dynastie, 18. Jahrhundert
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt

Aus der Alltags- und Regionalkultur


„Time in a bottle“: Die vielen Leben von V 8019

240 Jahre ist dieses Möbel alt und steckt wie eine Zeitkapsel voller Rätsel und Geschichte(n). Die spektakulärste ist wohl die seiner Wiederkehr: 2021 meldete die Karlsruher Kunstakademie, dass ein „Bauernmöbel“ abzugeben sei, und diese Meldung erschien wie eine ‚Flaschenpost‘ aus der Gründungszeit des Badischen Landesmuseums und seiner volkskundlichen Sammlung. Denn bei näherer Betrachtung des Fundes wurde offensichtlich: Dieses Möbel war bereits unser Eigentum.

Die auf das Jahr 1785 datierte und reich bemalte Anrichte war zunächst Teil der klassischen Aussteuer eines Hochzeitspaares im ländlichen Ostfriesland gewesen. Vermutlich wurde im schrankartigen Unterbau Textil verwahrt und im Aufsatz dekoratives Geschirr zur Schau gestellt. So war das Möbel Alltagsgegenstand und Statussymbol in einem.

Hundert Jahre später hatte sich diese Funktion geändert, denn nun war die Anrichte in die Privatsammlung von Carl Eßlinger gelangt, eines umtriebigen Antiquitätenhändlers aus Leer. Er verkaufte 1909 das jetzt als „Volkskunst“ betrachtete Möbel nach Karlsruhe, wo es im Kunstgewerbemuseum der idealtypischen Ergänzung einer „Ostfriesischen Küche“ diente. Moden und Konstruktionen prägten also dessen frühe Musealisierung. 1919 folgte eine Besitzstandsübertragung an das neu gegründete Badische Landesmuseum, das die Sammlung des aufgelösten Karlsruher Kunstgewerbemuseums übernahm. Damit wurde die Anrichte bis zur kriegsbedingten Schließung des Museums 1939 Teil der Ausstellung im Karlsruher Schloss. Dieses hatte der Krieg fünf Jahre später in eine Ruine verwandelt, jedoch war nicht alles verloren: Intakte Kellerräume bargen einen Teil der Sammlung. Sie wurde geborgen und nach Kriegsende auf Initiative der US-Besatzungsmächte in Räume der Karlsruher Kunstakademie ausgelagert. So auch die Anrichte.

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Historischer Holzschrank mit kunstvollen Verzierungen und Geschirr, umgeben von traditioneller Wohnraumatmosphäre.
Anrichte (Inv. V 8019) im Ausstellungsraum des Badischen Landesmuseums
© Badisches Landesmuseum
Bunt bemalter Holzschrank mit floralen Motiven und Inschrift, traditionelles Handwerk aus dem 18. Jahrhundert.
Anrichte aus Eichenholz, Inv. V 8019, Ostfriedland 1785
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters
Antiker, dunkler Holzschrank mit offenen Türen, dekorativen Elementen und einer Aufschrift auf der Oberseite.
Anrichte geöffnet, Inv. V 8019, Ostfriesland 1785
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters
Folk-Art-Schrank mit bunten Blumenmustern und Inschriften, 1786 gefertigt, im traditionellen Stil verziert.
Unterschrank der Anrichte, Inv. V 8019, Ostfriesland 1785
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters

Was bleibt und was wird?

Dort jedoch verlor sich über die Jahre das Wissen um die ursprünglichen Kontexte des Museumsguts und man erkannte zu Zeiten der Mangelwirtschaft in der Anrichte primär wieder ein funktionales Möbel. Dieser Nutzen stand im Vordergrund, als sich 1956 in Freiburg der Bedarf ergab, die neu errichtete „Werkstatt für Handweberei“ als Außenstelle der Karlsruher Akademie mit Mobiliar auszustatten. Bis 2021 machten mehrere Umzüge und veränderte Nutzungskonzepte die Anrichte als ‚Mobiliar‘ schließlich überflüssig und sie erschien buchstäblich aus ihrer Zeit gefallen.

Am Ende führten die Neugierde eines Hausmeisters, eine aufwändige Sammlungsforschung und die De-Konstruktion von Zuschreibungen dazu, dass die Anrichte wieder an den ersten Museumsstandort ihrer langen Reise zurückkehren konnte.

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Was bleibt und was wird?

Die Sammlungen eines Museums sind das materielle und immaterielle Kulturerbe für uns und kommende Generationen. Im Dienst der Gesellschaft werden sie auch künftig fortwährend erforscht, gesammelt, bewahrt, interpretiert und ausgestellt werden. Was ein Museum, seine Beschäftigten und die sie umgebende Gesellschaft aus diesem Schatz machen, dies entscheidet sich in konkreten Momenten, wie in Zeiten eines Umbaus und multipler Transformationen, wie wir sie gerade erleben. Viele Akteure wirken darauf ein. Für uns Kurator*innen wird aber eines immer bleiben: die Fürsorge und Verantwortung für „unsere“ Sammlungsbestände und die Faszination an der immer neuen Herausforderung, sie zum Sprechen zu bringen.

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Objekte im DialogStimmen aus dem Museum
16.03.2026
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