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von Dr. Flawia Figiel
7
min Lesezeit

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Jugendstil international. Keramische Kunst ohne Grenzen

Um 1900 verändert sich die Welt mit rasanter Geschwindigkeit – technisch, gesellschaftlich und künstlerisch. Der Jugendstil ist Teil dieses tiefgreifenden Wandels und weit mehr als eine dekorative Stilrichtung. Er markiert den Übergang zur Moderne und dient als Experimentierfläche für neue Formen, Materialien und Denkweisen. Der Artikel nimmt die Sonderausstellung „Jugendstil international. Keramische Kunst ohne Grenzen“ im Keramikmuseum Staufen zum Ausgangspunkt und folgt den Spuren einer Epoche, in der Abstraktion und künstlerische Reduktion bereits ihren Anfang nahmen.

Vase, Jerome Massier Vallauris, um 1950, Inv. 58/60
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters

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Was mich persönlich an dieser Epoche fasziniert, ist die Geburt des modernen Lebens, das bis heute unseren Alltag bestimmt. Atemberaubend war die enorme Kraft des Wandels – der Mut, neue Wege einzuschlagen und neue geistige Gebiete zu erobern. Die Menschen um 1900 hinterfragten althergebrachte Strukturen und gelangten so zu neuen Erkenntnissen. Diese Erkenntnisse waren wiederum die Grundlage für die Herausbildung neuer wissenschaftlicher und technischer Errungenschaften.

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„Atemberaubend war die enorme Kraft des Wandels – der Mut, neue Wege einzuschlagen und neue geistige Gebiete zu erobern.”

Joanna Flawia Figiel, Kuratorin Design und Kunsthandwerk ab 1945

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Die Zeit an der Schwelle des 20. Jahrhunderts war geprägt von einer kaum überschaubaren Dichte an Innovationen. Die Brüder Lumière produzieren die ersten Stummfilme, kurz darauf folgte der erste Tonfilm von Thomas Edison. Die Gebrüder Wright konstruieren das erste Flugzeug, die Kodak-Company bringt Rollfilmkameras auf den Markt und verändert damit die visuelle Kultur nachhaltig. 1895 führt Sigmund Freud den Begriff der Psychoanalyse ein, 1896 findet die erste Olympiade der Neuzeit statt, Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt die Röntgenstrahlen und Heinrich Hertz elektromagnetische Wellen, die später die Grundlage für Radiogeräte bilden. Karl Ferdinand Braun patentiert die Kathodenstrahlröhre – eine Voraussetzung für das spätere Fernsehen. Marie und Pierre Curie erforschen die radioaktive Strahlung, das Fingerabdruckverfahren wird in der Kriminalistik eingeführt, und Albert Einstein legt 1905 die Grundlagen seiner Relativitätstheorie, für die er im selben Jahr den Nobelpreis erhält.

Auch politisch und gesellschaftlich markiert die Zeit um 1900 einen Wendepunkt. Das „Bürgerliche Gesetzbuch“ (BGB) tritt in Kraft und regelt bis heute zentrale Aspekte unseres Zusammenlebens. Pünktlich zum Jahr 1900 präsentiert Graf Zeppelin sein erstes Luftschiff über dem Bodensee. Gleichzeitig werden zahllose technische Patente angemeldet, für den Kühlschrank, den Elektroherd, die elektrische Kaffeemaschine und die elektrische Zahnbürste. In diesem Jahr werden in den USA gleichzeitig mehrere Patente für elektrische Rasierapparate angemeldet, leider ohne Erfolg. Manche Ideen setzen sich durch, andere scheitern, doch gemeinsam erzählen sie von einem tiefgreifenden Umbruch.

Dieser Innovationsgeist zeigt sich auch ganz konkret vor unserer Haustür. Im Großherzogtum Baden wird mit dem von Carl Benz konstruierten Automobil ein Meilenstein der Mobilitätsgeschichte gesetzt, und im Schwarzwald entsteht der erste elektrische Skilift. Fortschritt ist in dieser Zeit kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Realität.

Wieso ist das alles relevant? Die gleichen Mechanismen des Entdeckens und Erfindens lassen sich auch im Bereich der Kunst beobachten – sowohl in der außergewöhnlichen Dichte neuer künstlerischer Ausdrucksformen als auch in der zeitlichen Beschleunigung dieser Entwicklungen. Unter den vielfältigen künstlerischen Phänomenen dieser Epoche erscheint mir eine Entwicklung besonders spannend: die fortschreitende Abstraktion der künstlerischen Mittel innerhalb des Jugendstils.

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Zwei stilisierte, gelbe Formen mit blauen Akzenten auf dunklem Hintergrund, abstrakte Kunst.
Fliese, Inv. 86-2000-1150-16.4
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters
Bunte Fliese mit geometrischen Mustern in Grün, Weiß und Rot, bestehend aus Ovale und Kreise.
Fliese, Steingutfabrik Villeroy &amp, Inv. 86-2000-1150-22.11
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters
Abstrakte blaue Grafik mit geschwungenen Linien und geometrischen Formen auf hellem Grund.
Fliese, Inv. 2000/1150-23.11
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt
Abstraktes Design mit blauen, roten und schwarzen Mustern, die geschwungene Linien und Ringe zeigen. Textur im Hintergrund.
Fliese, Inv. 2000/1150-4.6
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldschmidt

So wenig uns heute bewusst ist, dass viele technische Grundlagen unseres Alltags um 1900 entstanden sind, so selten wird wahrgenommen, dass auch die abstrakte Kunst ihre Wurzeln bereits im Jugendstil hat. Lange wurde ihre Entstehung in die Zeit des Bauhauses verortet, doch tatsächlich beginnt der Prozess der Abstraktion deutlich früher. Zunächst äußert er sich in einer geometrisierenden Stilisierung des Jugendstils, insbesondere in der linearen Grafik, aber auch in der angewandten Kunst. Ein frühes Beispiel hierfür ist die Teekanne von Peter Behrens. Sowohl die klare Form der Kanne als auch das reduzierte Dekor folgen einer geometrischen Ordnung. Diese Formensprache war vor allem in Wien und Glasgow verbreitet, tauchte jedoch – wie dieses Objekt zeigt – auch vereinzelt in Deutschland auf. Insbesondere Wandfliesen eigneten sich gut, die abstrahierenden Dekore in das Formenvokabular des Jugendstils einzuführen.

Dekorative, weiße Teekanne mit sechseckigem Deckel und schwarzem Design. Stilvolles Geschirr für Teeliebhaber.
Teekanne, Peter Behrens, um 1900, Inv. 80/85a
© Badisches Landesmuseum
Frühstücksservice, Jutta Sika, 1901, Inv. 74/98 a-d
© Badisches Landesmuseum, Peter Gaul

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Mit der geometrisierenden Stilisierung und der Abstrahierung des Dekors geht Jutta Sika in ihrem 1901 entworfenen Service noch einen Schritt weiter. Ihre Handschrift ist unverwechselbar und zeigt eine typische geometrisierende Variante des Wiener Jugendstils. Das extravagante Dekor aus angeschnittenen Kreissegmenten in schuppenartiger Anordnung erinnert überraschend stark an das Art déco – lange bevor dieser Stil überhaupt benannt wurde. Auch die Gefäßformen wirken radikal modern. Besonders die asymmetrische Stellung der Tasse auf der Untertasse bricht mit allen Erwartungen. Diese konsequente abstrahierende Reduktion, bei der Gefäßformen und Dekore zu stereometrischen Körpern umgebildet werden, wird später für viele Bauhaus-Künstler typisch sein.

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Wandteller, Clément Massier, um 1900, Inv. 70/166
© Badisches Landesmuseum, Thomas Goldtschmidt

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Der Wandteller von Clément Massier zeigt, wie weit diese Entwicklung der Abstraktion führen konnte. Auf dem Teller ist eine Landschaft dargestellt: Oben ist ein Himmel mit Sonnenuntergang zu sehen, in der Mitte türmen sich Berge, und unten befinden sich Felsen mit einem Wasserfall. Doch diese Elemente sind so stark abstrahiert, dass sie sich erst bei genauer Betrachtung erschließen. Es gibt keine Schatten, keine perspektivische Tiefe und keine detailgetreue Malerei. Durch das konsequente Weglassen von Details hat der Künstler seinem Bild eine klare Ästhetik der abstrahierenden Reduktion verliehen. Der Kunsthistoriker Klaus-Jürgen Sembach bezeichnete diese Entwicklung der Reduktion im Jugendstil als „Halbzeit der Moderne“ – ein treffender Begriff für den Übergang zur Moderne.

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Viele Künstler, die in der Zwischenkriegszeit großen Ruhm erlangten, begannen ihre künstlerische Laufbahn mitten in der Epoche des Jugendstils. So schuf Pablo Picasso in seiner blauen Periode beispielsweise Werke, die wir heute dem Jugendstil zuordnen würden. Der Trend zur Abstraktion führte in dieser Zeit zu immer radikaleren Lösungen – radikal zumindest aus der Perspektive des Jugendstils. Vor diesem Hintergrund ist es leichter zu verstehen, warum Picasso bereits 1907 sein erstes kubistisches Gemälde schuf.

Lange Zeit galt Wassily Kandinsky als Begründer der abstrakten Malerei. Ähnlich wie Picasso beschritt auch Kandinsky seinen künstlerischen Weg von einer stilisierenden Jugendstilmalerei über zahlreiche Entwicklungsstufen hin zur abstrakten Komposition. In den frühen 2000er-Jahren entbrannte unter Kunsthistoriker*innen eine Debatte darüber, wer tatsächlich als Pionier der abstrakten Malerei zu bezeichnen sei. Kandinsky selbst datierte sein erstes gegenstandsloses Werk auf das Jahr 1910. Heute geht man aber davon aus, dass Kandinsky dieses Bild vordatiert hat – vermutlich entstand es erst 1913.

Tatsächlich war ihm der tschechische Jugendstilkünstler František Kupka zuvorgekommen. 1910 schuf Kupka Kompositionen, deren Bildaufbau aus reinen, geometrischen Elementen bestand, die vollständig auf gegenständliche Bezüge verzichteten. Bereits 1905 schrieb Kupka, dass es nicht nötig sei, Bäume zu malen, da man schließlich auf dem Weg zur Ausstellung bessere sehen könne.

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Parallel dazu entwickelten auch andere Künstler abstrakte Bildsprachen. Mit dem Konstruktivismus des russisch-polnischen Künstlers Kasimir Malewitsch und seinem berühmten Werk „Das Schwarze Quadrat“ wurden im Osten Europas die äußersten Positionen der Abstraktion ausgelotet. Inzwischen gilt die Debatte unter Kunsthistoriker*innen als geklärt: Das erste abstrakte Bild stammt nicht von einem Mann, sondern von einer Frau! Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint schuf 1906 eine Serie kleinformatiger und 1907 großformatiger abstrakter Gemälde.

Als der Erste Weltkrieg begann, war das Experiment der Abstraktion somit bereits in vollem Gange. Die gegenstandslose Kunst blieb im Jugendstil noch eine Ausnahme, sollte jedoch später zur dominierenden Stilrichtung werden. Der Jugendstil erweist sich somit nicht als Endpunkt, sondern als Übergang – als entscheidende Schwelle zur Moderne.

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Objekte aus der Ausstellung "Jugendstil international. Keramische Kunst ohne Grenzen"
© Badisches Landesmuseum, Hannes Deters

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Die Sonderausstellung „Jugendstil international. Keramische Kunst ohne Grenzen“ macht diese Entwicklungen sichtbar. Sie ist von Februar 2026 bis November 2027 im Keramikmuseum Staufen zu sehen und lädt dazu ein, den Jugendstil nicht nur als dekorative Stilrichtung, sondern als Motor eines tiefgreifenden kulturellen Wandels neu zu betrachten.

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15.02.2026
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