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von Martin Nadarzinski
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Forschen und Schreiben über das Nichts? Die ethnographische Sammlung des Badischen Landesmuseums

Wie schreibt man über eine Museumssammlung, die im Haus nicht mehr präsent ist? Diese paradoxe Frage begleitete mich in den zwei Jahren meines Promotionsvolontariat in der Abteilung Kunst und Kulturgeschichte des Badischen Landesmuseums. Obwohl Sammlungen der langfristigen Erhaltung dienen, verschwand die ethnographische Sammlung dennoch aus dem Museum. Wer war beteiligt, und was geschah wann und warum?

Die Vitrine (fotografiert um 1925) zeigt Objekte aus der damaligen Kolonie „Deutsch-Kamerun“.
© Badisches Landesmuseum

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Diese Fragen und das damit verbundene Thema waren der Schwerpunkt meiner Zeit im Badischen Landesmuseum zwischen Oktober 2020 und Dezember 2022. Meine Arbeit widmete sich der ethnographischen Sammlung des Badischen Landesmuseums von ihren historischen Anfängen 1875 bis heute. Im Jahr 2020 waren jedoch bis auf wenige ältere Objektbestände fast nur noch Inventarbücher vorhanden, die die Eingänge der Objekte zwischen 1875 und 1935 dokumentieren und Informationen über die Sammler*innen liefern. Andere Daten fehlen; denn 1935 ging der Großteil der Sammlung an die Stadt Mannheim. Das war in Kurzform der damalige Wissensstand.

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Spurensuche in der Sammlung

Um diese Geschichte weiter auszuleuchten und die offenen Fragen zu beantworten, musste ich andere Wege gehen. Dafür modifizierte ich eine Methode, die als „Sammlungsarchäologie“ bezeichnet wird. Inventarbücher, Ausstellungsräume und Lagerorte sowie die dazugehörigen Praktiken und ihre Spuren stehen hier im Fokus. Dazu arbeitete ich mich durch ältere wie jüngere Verwaltungsakten, analysierte Ausstellungsfotografien und untersuchte ältere Dokumentationssysteme wie Karteikarten und die im Museum verwendete Datenbank. Weiterhin führte ich Interviews mit Kolleg*innen des Landesmuseums sowie ehemaligen Mitarbeiter*innen, um Erfahrungen, Wissen und die historische Datenlage auszuleuchten.

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Handschriftliches Dokument von 1910 mit detaillierten Einträgen zu Pflanzen und deren Herkunft oder Lagerung.
Im Inventarbuch werden neben den Sammler*innennamen auch Verkäufe und Abgänge verzeichnet.
© Badisches Landesmuseum
Katalogkarte mit Angaben zu einem Kunstwerk: Beschreibung, Materialien und Literaturverweise.
Karteikarten weisen meist mehrere Bearbeitungsstufen auf und zeigen den Wissenstand im Wandel der Zeit.
© Badisches Landesmuseum
Deckeldose für Räucherwerk aus Japan, vor 1915, Koyō, roter Ton, Durchmesser: 7,8 cm, Höhe: 5,2 cm.
Deckeldose für Räucherwerk, Inv. Nr. A 10096
© Badisches Landesmuseum
Das Objekt selbst ist dank seiner Inventarnummer mit den Dokumentationssystemen verbunden.
© Badisches Landesmuseum

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Aus einem Teil der Arbeit baute ich ein sogenanntes „Collectiogram“. Hier lässt sich anhand der Ein- und Abgänge der Herzschlag der Sammlung nachvollziehen. Jeder Objekteingang erfordert von den Sammlungsmitarbeiter*innen eine Folge von Arbeitsschritten – von der Inventarisierung (Was ist das für ein Objekt? Woher stammt es? Wer hat es dem Museum gespendet oder verkauft?) bis zur Einlagerung im Depot. Zugleich spiegeln die Eingänge die Ideen und Handlungen der Museumsmitarbeiter*innen wider, etwa Fragen nach Verfügbarkeit von Objekten, nutzbarem Lagerraum oder geplanten Ausstellungs- bzw. Sammlungsschwerpunkten.

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Das Collectiogram zeigt den massiven Zuwachs der Sammlung bis 1919 sowie die Abgänge ab 1926.
© Martin Nadarzinski

Die ethnographische Sammlung unter Ernst Wagner: Ursprünge und Visionen

Die ethnographische Sammlung unter Ernst Wagner: Ursprünge und Visionen
Im Folgenden skizziere ich einen kurzen historischen Abriss der Sammlungsgeschichte. Die ausführliche Version erschien in meiner im Vorjahr publizierten Dissertation. Die ethnographische Sammlung des Badischen Landesmuseums reicht bis ins Jahr 1875 zurück, wo die Sammlung als Teil der „vereinigten großherzoglichen Sammlung für Altertums- und Völkerkunde“ im Sammlungsgebäude am entstand. Hier wurden ältere Schenkungen und neuere Zugänge aus nicht-europäischen Gebieten gesammelt; der Museumsleiter Ernst Wagner betreute sie. Wagner, Theologe und Lehrer, war damit betraut, die teils bisher verstreuten Sammlungsteile aus der Residenzstadt Karlsruhe unter einem Dach zu vereinen.

Mit der Gründung der vereinigten Sammlungen verknüpfte Wagner die späteren ethnographischen Bestände mit frühen archäologischen Funden, historischem Kunsthandwerk und weiteren Objekten und stellte sie zeitweise gemeinsam aus. Er vergrößerte die Sammlung aktiv. Dafür nutzte er seine Anbindung an wissenschaftlichen Gesellschaften sowie Geschenke an den badischen Großherzog, die an die vereinigten Sammlungen übertragen wurden. So gingen Gegenstände unter anderem aus deutschen Kolonialgebieten in Afrika (heute Namibia, Kamerun, Togo, Tanzania, Teile von Burundi und Ruanda) sowie aus Ozeanien und Papua-Neuguinea nach Karlsruhe. Sie wurden oft von badischen Bürgern gesammelt, die aufgrund von vielfältigen Tätigkeiten in den damaligen deutschen Kolonialgebieten gewesen waren und sie später dem Museum verkauften oder schenkten.

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Schwarz-weiß Porträt eines bärtigen Mannes mit Brille im Anzug und ernstem Gesichtsausdruck.
Professor Ernst Wagner war von 1875 bis 1919 der Leiter der vereinigten Sammlungen.
© Badisches Landesmuseum

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Wagners Sicht auf den Wert dieser Sammlung beruhte auf der Annahme, dass durch das Sichten und Vergleichen der Objekte mehr über die Kolonialgebiete und ihre Bevölkerungen zu erfahren sei. Diese Orientierung entsprach den damaligen zeitgenössischen wissenschaftlichen Strömungen der frühen Ethnologie, die sich als junge Wissenschaft stark mit dem deutschen Kolonialismus verknüpft war. Museumssammlungen in Deutschland profitierten von Erwerbungen durch weiße Menschen, die in den Kolonien arbeiteten oder reisten. Weiterhin wurden ihre Aufzeichnungen als frühe wissenschaftliche Beschreibungen in Fachgesellschaften besprochen und als Quelle anerkannt.

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Übergang nach dem Ersten Weltkrieg: Hans Rott und neue Zielsetzungen

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Dr. Hans Rott die Sammlungsbetreuung. Er war einer von Wagners ehemaligen Mitarbeitern und wurde 1919 zum Gründungsdirektor des Badischen Landesmuseums. 1926 begann er mit der Bearbeitung der Bestände, die noch im Friedrichsplatz im Gebäude des heutigen Naturkundemuseums ausgestellt waren. Rott, Kunsthistoriker und Archäologe, hatte andere Vorstellungen vom Sinn und Zweck der Sammlung als Ernst Wagne, allerdings fehlten ihm die finanziellen Mittel diese umzusetzen. Er konnte seine Pläne daher nicht umsetzen. Dementsprechend blieb die Sammlung als Schausammlung am Friedrichsplatz erhalten, wo sie mit zunehmenden Raumforderungen durch das Naturkundemuseum konfrontiert wurde.

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Ein Gentleman in eleganter dunkler Kleidung und Hut steht im Freien vor einer parkähnlichen Kulisse.
Dr. Hans Rott beerbte Wagner im Amt und war der Gründungsdirektor des heutigen Landesmuseums.
© Badisches Landesmuseum

Der Badische Ringtausch und die Auswirkungen auf die Sammlung

Dies ist einer der Gründe für den späteren, sogenannten „Badischen Ringtausch“. Hierbei tauschte der damalige Teil des nationalsozialistischen Staates, der Gau Baden verschiedene Sammlungen mit der Stadt Mannheim. 1935 ging die ethnographische Sammlung aus dem Landesbesitz an die Stadt Mannheim und wurde vom Reiss-Engelhorn-Museum aufgenommen. Im Gegenzug übergab die Stadt Mannheim eine altägyptische Sammlung an die Universität Heidelberg und eine anatomische Schädelsammlung an die Universität Freiburg. Damit endete theoretisch die Existenz einer eigenständigen völkerkundlichen Sammlung in Karlsruhe; ein kleiner Teil der Bestände blieb jedoch erhalten, weil dieser von Hans Rott ausgewählt und in die kunstgewerbliche Sammlung eingegliedert wurde. Diese Stücke überlebten den Zweiten Weltkrieg und wurden in den 1970er/80er-Jahren in kunsthandwerklichen Ausstellungen präsentiert.

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Tonfigur eines schlafenden, lächelnden Tieres mit runder Form und feinen Details in rötlicher Farbgebung.
Deckeldose für Räucherwerk, Inv.-Nr. A 10096
© Badisches Landesmuseum

Anfang der 2000er Jahre kamen weitere zeitgenössische Sammlungen aus Nordafrika ans Landesmuseum, die im Zuge der großen Sonderausstellung „Hannibal ad portas“ und damit einhergehenden Kooperationen erworben bzw. gesammelt wurden. Zudem gingen zwei historische Sammlungen als Schenkungen ans Haus, die im Zuge der Neugestaltung der Dauerausstellung „Baden und Europa“ verwendet wurden. Ein Teil dieser Bestände gehört heute zur Sammlung „WeltKultur/GlobalCulture“, die bis zur Schließung des Hauses sichtbar war und an die Geschichte der ethnographischen Sammlung erinnerte. Auch zeigte die Ausstellung einen neuen Ansatz, der sich von der alten, ethnographischen Sammlung unterschied: anstatt die Dinge als Belege anzuführen legte die Ausstellung ihren Schwerpunkt auf die interkulturellen Verflechtungen zwischen verschiedenen Regionen der Welt, die anhand unterschiedlicher Zeugnisse und ihrer Gegenüberstellung aufgezeigt wurden.

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Die Forschung, die in meine Dissertation mündete, erlaubt dem Badischen Landesmuseum einen Blick zurück: Die Sammlungsgeschichte macht die Verflechtungen des Fürstentums Baden, seiner Bewohner und des Museums mit dem deutschen Kolonialismus sichtbar. Sie verdeutlicht auch, welchen Einfluss die Sammlungspflege, infrastrukturelle Voraussetzungen und die Sammlungen selbst auf ihre eigene Geschichte und die damit verbundenen Menschen haben. Die Abwesenheit der Dinge fordert einen Perspektivwechsel: Die Museumssammlung wird als Ergebnis von verschiedenen Prozessen verstanden.

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Traditionelle Kunstwerke wie Masken, Musikinstrumente und Skulpturen in einem Holzregal ausgestellt.
Die Vitrine (fotografiert um 1925) zeigt Objekte aus der damaligen Kolonie „Deutsch-Kamerun“.
© Badisches Landesmuseum
Historisches Ausstellungsstück: großer, kunstvoll geschnitzter Horn, begleitet von weiteren kulturellen Artefakten.
Die Vitrine (fotografiert um 1925) zeigt Objekte aus der damaligen Kolonie „Deutsch-Kamerun“.
© Badisches Landesmuseum
Objekte im Dialog
31.01.2026
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