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echo – das digitale Magazin des Badischen Landesmuseums
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von Katharina Siefert
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Das richtige Gemälde? Von falschen Titeln, Druckfehlern und anderen Merkwürdigkeiten

Ist schon die Recherche nach der Provenienz eines Gegenstandes ein aufwendiges Unterfangen, so entzieht sich bisweilen auch das zu untersuchende Objekt einer eindeutigen Bestimmung. Allerdings ist die Klärung der Objektidentität unerlässlich, insbesondere wenn es sich bei Gegenständen der angewandten Kunst um seriell gefertigte Werke handelt. Doch auch bei Gemälden ist man mit Repliken, Kopien oder variierenden Wiederholungen konfrontiert. Zudem können Bildtitel abweichen, das Sujet nicht korrekt erkannt und benannt sowie die Zuschreibung an eine*n Künstler*in falsch oder unbekannt sein.

Joseph Melling: Heilige Agnes mit einem Engel
© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

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In den Beständen des Badischen Landesmuseums finden sich etliche Gemälde, die einst zur Ausstattung des Residenzschlosses gehörten. Werke von Künstlern, die für das Fürstenhaus tätig waren, wurden und werden kontinuierlich für die Sammlungen erworben. Entsprechend erfolgte am 20. Juni 1939 der Ankauf eines Gemäldes von Joseph Melling (geb. 1724, St. Avold – gest. 1796, Straßburg). Melling war 1758 zum badischen Hofmaler ernannt worden. Mit der Ausstattung des Schlosses beauftragt, schuf er sog. Supraporten [Gemälde über Türen] und insbesondere das 1760 vollendete große Deckengemälde „Die Apotheose der Venus“ im Marmorsaal, das 1944 zerstört wurde. Zudem war Melling Berater der kunstsinnigen Markgräfin Karoline Luise.

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Historische Schwarz-Weiß-Malerei mit himmlischen Figuren, die schwebend in den Wolken dargestellt sind.
Joseph Melling: Die Apotheose der Venus, im ehem. Marmorsaal Schloss Karlsruhe, 1760
© Badisches Landesmuseum, ARTIS – Uli Deck

Inventar-Nummer V 12749

Museumsdirektor Ludwig Moser schrieb 1939 anlässlich des Ankaufs den Inventarbucheintrag mit der Nummer V 12749: „Ölgemälde darstellend die Heilige Agnes mit einem Engel. Bez. Joseph Melling. Um 1760“; gekauft von „S. Jacobs, Mannheim“ für 350,- Reichsmark; Maßangaben fehlen. Das Ankaufsjahr gab den Anstoß zur Untersuchung der Herkunft des Gemäldes und nach der Rechtmäßigkeit dieser Erwerbung in der NS-Zeit.

Dargestellt ist vor wolkigem Himmel ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln, der eine weibliche Gestalt, die Heilige Agnes, schützend umfängt. Sie ist durch ihre Attribute, den Johannesknaben mit Lamm, links vor ihr sitzend, einem Anker und einem Kreuz kenntlich. Auf dem Querbalken des Kreuzes befindet sich die Signatur „Melling“ und die Jahreszahl „1774“. Weshalb diese gut lesbaren Beschriftungen im Inventarbuch falsch notiert wurden, ist nicht nachvollziehbar.

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Engel und zwei Frauen mit einem Kind und einem Schaf, umgeben von sanften Farben und klarem Himmel.
Joseph Melling: Heilige Agnes mit einem Engel
© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

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Das Gemälde fand sich allerdings nicht in den Depots des Landesmuseums. Eine handschriftliche Karteikarte aus dem Museumsarchiv gab Aufschluss mit der Notiz: „Lf. Inv. LG 501 (…) / überwiesen am 21.2. [?] 1947“ und im Feld „Standort“: „1973 als Leihgabe in der Kunsthalle“. Der Eintrag im Leihgabeninventar der Kunsthalle setzt bei der Benennung der Heiligen ein Fragzeichen. Warum das Werk 1947 in die Kunsthalle Karlsruhe überwiesen wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise gelangte es bei der Rückführung der im Zweiten Weltkrieg in die Saline Heilbronn ausgelagerten Gemälde der Kunsthalle dorthin und verblieb dort aus pragmatischen Gründen.

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Angebote aus dem Kunsthandel

Die Verkäuferin war die Kunsthändlerin Sofie Jacobs aus Mannheim. Sie bot am 17. März 1939 ein Gemälde – ohne Titel – mit den Maßen „80 x 64 cm“ „aus Privatbesitz" der Kunsthalle Karlsruhe für RM 480,- an. Am 31. März 1939 informierte Jacobs den Kunsthallenleiter Kurt Martin, dass das Gemälde mit „Melling“ signiert und datiert „1774" [sic!] sei. (GLA KA, Akte 441-3 Nr. 911). Martin lehnte das Angebot ab und leitete es am 22. April an das Badische Landesmuseum weiter, das schließlich am 20. Juni 1939 den Kauf zu einem reduzierten Preis tätigte. (Generallandesarchiv Karlsruhe, 441-3 Nr. 654; Kunsthandel 1938-1944).

Unterlagen über die Kunsthandlung Sofie Jacobs haben sich nach derzeitigem Stand nicht erhalten. Es ist kein Nachlass bekannt, der Aufschluss über die Bezugsquellen der Kunsthändlerin geben könnte. Hingegen ist sie über Korrespondenzen mit Kunden*innen oder anderen Kunsthändler*innen bis mindestens Dezember 1942 greifbar. Aus einem Schreiben an die Kunsthalle Karlsruhe geht hervor, dass sie ihre Geschäftsadresse im März 1939 von der „Mühldorferstraße 10“ in die „Otto Beckstraße 14“ (GLA 441-3 Nr. 911, Bild 277) Mannheim verlagert hatte, am östlichen Rand des Stadtzentrums, doch in der Nähe der repräsentativen Augusta-Anlage. Jacobs hatte sich selbstständig gemacht, nachdem sie zuvor als Prokuristin der „Galerie Gebrüder [Ernst] Buck“ in Mannheim tätig war. Mit den Adressen O 7,14 / Heidelbergerstraße (1912–1930) bzw. P 7,18 (ab 1930), zuletzt Augusta-Anlage 3, bestand die Galerie Buck von 1912 bis etwa 1937. In dieser Zeit hatte die Galerie Buck regelmäßig Verkaufsangebote an die Kunsthalle Karlsruhe gesandt (Generallandesarchiv Karlsruhe, 441-3 Nr. 911), Sophie Jacobs war als Mitarbeiterin mithin über das Sammelgebiet der Kunsthalle informiert und nutzte dieses Wissen. Bis 1937 korrespondierte sie im Namen der Galerie Buck mit der Kunsthalle, bevor sie sich im selben Jahr selbständig machte.

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Verwirrung um den Bildtitel

Gemälde von Joseph Melling wurden ausweislich der bislang digitalisierten Auktionskataloge (German Sales) nur zweimal angeboten. Hier fällt ein Angebot des Auktionshauses Rudolf Bangel in Frankfurt / Main, auf. Der Katalog Nr. 1045 vom Juni 1923: „Gemälde alter Meister: Möbel, Uhren, Bronzen, Keramik, Holz, Elfenbein, (…), Versteigerung 26. Juni bis 28. Juni 1923, verzeichnet mit Los 117 ein Gemälde von „Joseph Melling, † 1800 [sic!]“. Die Beschreibung lautet „Maria-Verkündigung. Vor wolkigem Hintergrund Maria [sic], der Verkündigungsengel und Johannes mit dem Lamm. / Rechts unten bezeichnet: Melling 1770 [sic]. Leinwand 82/65“. Annotiert sind die Angaben: „4017 / Herzberg / 360000"

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Text über ein Gemälde von Joseph Melling († 1800) mit Maria, dem Engel der Verkündigung und Johannes.
Auktionskatalog Rudolf Bangel, Frankfurt/M; Kat. Nr. 1045, Juni 1923. Das Los 117 verzeichnet ein Gemälde des Malers Joseph Melling

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Nach aktuellem Forschungsstand ist „Herzberg“ der Name des Einlieferers unbekannter Identität. In Zeiten der Hyperinflation wurde ein Preis von 360.000 Milliarden Mark aufgerufen. Das „x“ vor der Losnummer verweist wohl darauf, dass das Gemälde zumindest auf dieser Auktion nicht verkauft wurde. Jedoch ist der Bildtitel „Maria-Verkündigung“ für unser Gemälde nicht zutreffend. Auch die Datierung ist abweichend, allerdings kann aufgrund der etwas undeutlichen Pinselschrift die Ziffer „4“ durchaus mit einer „0“ verwechselt werden. Sollte auch das Sujet aufgrund einer nur flüchtigen Betrachtung im hektischen Auktionsgetriebe nicht erkannt worden sein? Die angegebenen Maße wiederum sind korrekt, sie entsprechen jedoch einem gängigen Leinwandmaß. Die genauen Lebensdaten von Joseph Melling waren noch nicht bekannt, daher ist als Todesjahr „1800“ angegeben. Möglicherweise klärt sich die Quelle dieser Jahreszahl mit Blick auf die Rückseite des Gemäldes.

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Rückseite eines Rahmens mit verschiedenen Etiketten und einem strukturierten, bräunlichen Hintergrund.
Joseph Melling: Heilige Agnes mit einem Engel; Gemälde-Rückseite mit Etiketten und Beschriftungen auf dem Rahmen
© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Rätselhafte Etiketten und ein NS-ideologischer Text

Auf dem Keilrahmen und dem schlichten Bilderrahmen sowie auf der Leinwand, befinden sich fünf Etiketten und zwei Aufschriften. Ein querrechteckiger Papierstreifen gibt handschriftlich Informationen zum Künstler: „Melling, Joseph, Maler, bildete sich in Paris unter C. van Loo, begab sich dann nach Straßburg. 1777 [sic] wurde er Hofmaler in Karlsruhe und gegen Ende seines Jahrhunderts starb er. Zu Straßburg und Karlsruhe sind Altarblätter von ihm gemalt, ebenso Bildnisse und Staffeleibilder.“ Vielleicht wurde die Formulierung „gegen Ende seines Jahrhunderts“ für Bangels Katalogtext in „1800“ übertragen. Des Weiteren sind mit einem blauen Kreidestift die Nummer „K 295“ und die Bezeichnung „Landesmuseum“ notiert. Dies sind wohl Hinweise auf die Kistennummer und die Institution bei der kriegsbedingten Auslagerung. Zwei rosafarbene Klebeetiketten der Kunsthalle Karlsruhe nennen die Nummer des Leihgabeninventars „Lge 501“ und den Bildtitel „Die Hl. Agnes mit Engeln [sic]“; die Angabe des Standorts in der Kunsthalle „G J“ befindet sich auf einem weiteren Etikett. Rechts oben auf der Leinwandrückseite befindet sich ein nahezu quadratischer Ausriss aus einer Publikation, wahrscheinlich eine Zeitung.

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Ein ausgeschnittenes, vergilbtes Zeitungsartikel-Fragment mit beunruhigendem Inhalt über gesellschaftliche Veränderungen.
Joseph Melling: Heilige Agnes mit einem Engel; Gemälderückseite mit Resten eines Typoskripts
© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

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Ergänzt man die Fehlstellen, so ergibt sich folgender Text: „(...) Der schlimmste Schaden, der dem deutschen Volkskörper aus den gegenwärtigen Zuständen erwachsen muss, ist eine maßlose Verrohung und sittliche Verkommenheit, die sich in kürzester Zeit unter wertvollem deutschem Menschenmaterial wie eine Seuche ausbreiten wird. Wenn hohe Amtspersonen der SS und Polizei Gewalttaten und Brutalität verlangen und sie (in der Öffentlichkeit belobigen, dann regiert in kürzester Zeit nur noch die nackte Gewalt)“. Es handelt sich um ein Zitat des Generals Johannes Blaskowitz (1883–1948), der im Zweiten Weltkrieg u. a. Oberbefehlshaber der deutschen Armee in Polen war. Dort beobachtete er die Massaker an der jüdischen Bevölkerung durch deutsche Truppen, die seiner Meinung nach dem Ansehen der Wehrmacht schadeten und die er deshalb im Februar 1940 kritisierte, nicht jedoch die Gräueltaten! Warum nun just dieser Textausschnitt – zufällig oder absichtlich? – wohl zur Fixierung eines Leinwandschadens diente und wer ihn zu unbestimmtem Zeitpunkt nach 1940 anbrachte, lässt sich nicht mehr klären.

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Und noch mehr offene Fragen

Unbekannt bleibt auch der Einlieferer mit dem Namen „Herzberg“. Das Frankfurter Adressbuch des Jahres 1923 nennt einige Einwohner dieses Namens, darunter „Bankdirektoren, Kultusbeamte und Privatiers“, die als Eigentümer*innen eines Gemäldes in Frage kämen. Ebenso gab es in Mannheim, dem Unternehmenssitz von Sofie Jacobs, den Inhaber eines Textilwarengeschäfts namens Karl Herzberg. Ist unser Gemälde tatsächlich identisch mit jenem im Auktionskatalog beschriebenen?

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Ein weiteres Melling-Gemälde wurde im Jahr 1973 vom Badischen Landesmuseum erworben. Es gehört zu einer Reihe von Supraporten, die von der ursprünglichen Ausstattung des Karlsruher Schlosses erhalten geblieben sind BLM Inv. Nr. 73/169; 1915 wurde es im Auktionskatalog Nr. 1741 bei Rudolph Lepke, Berlin: „Ölgemälde und Aquarelle erster Meister unserer Zeit (…); Versteigerung 16. November 1915“ angeboten. Los 62 nennt „Zwei Nymphen, durch einen Schwan erschreckt“ mit einem offensichtlichen Druckfehler beim Breitenmaß von „12 cm“. Tatsächlich ist das Gemälde 71 cm hoch und 128,5 cm breit (ohne Rahmen).

Zwei Frauen und ein Schwan in einer romantischen, naturverbundenen Szene, eingefasst in einen dekorativen goldenen Rahmen.
Joseph Melling: Supraporte: Leda mit dem Schwan, Inv. Nr. 73/169
© Badisches Landesmuseum, ARTIS – Uli Deck
Zwei Nymphen von einem Schwan erschreckt, gemalt im Stil von Fr. Boucher.
Auktionskatalog Rudolph Lepke, Berlin, Kat. Nr. 1741, November 1915. Das Los Nr. 62 verzeichnet ein Gemälde von Jospeh Melling

Das Gemälde ist identifiziert, die Provenienzrecherche geht weiter

Ein erstes Fazit: Angaben in Auktionskatalogen sind zu überprüfen. Mit Druckfehlern und falschen Maßangaben muss gerechnet werden, ebenso können Bildtitel und Künstlernamen falsch sein. Angesicht der Tatsache, dass offenbar nur zwei eindeutig von Melling stammende Gemälde in Auktionen angeboten wurden, muss das Gemälde „Heilige Agnes mit dem Engel“ identisch mit jenem im Auktionskatalog von Bangel sein. Allerdings vermisst man die bei R. Bangel übliche Kennzeichnung auf der Gemälderückseite für die entsprechenden Katalog- und Losnummer „1045/117“ Und diese Feststellungen sind nur der Beginn der Provenienzrecherche.

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31.03.2026
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